Eine tiefe Verbundenheit zur abendländischen Kultur, eine humanistische Weltanschauung und eine unbeirrbare Freiheitsliebe kennzeichnen leben und Schaffen des tschechischen Komponisten Jan Novák. Die Grundlagen für diese persönliche Lebensphilosophie wurden bereits in früher Jugend gelegt. Der am 8. April 1921 im mährischen Nová Říše als Sohn einer kunst- und musikbegeisterten Familie geborene Jan Novák besuchte zuerst das Jesuitengymnasium im nahen Velehrad, dann das klassische Gymnasium in Brünn, wo man ihm eine anspruchsvolle, am klassischen Altertum orientierte Schulbildung vermittelte.

Nach dem Abitur begann Novák ein Musikstudium am Brünner Konservatorium bei Vilém Petrželka später bei Pavel Bořkovec in Prag. Während des zweiten Weltkrieges mußte Novák seine Studien für zwei und halb Jahre unterbrechen, er wurde wie alle tschechischen Studenten seiner Generation nach Deutschland zur Zwangsarbeit abgezogen.1947 schließlich ging er für einige Monate nach Amerika und beendete seine Studien bei Aaron Copland in Tanglewood und in New York bei seinem Landsmann Bohuslav Martinů. Die Zusammenarbeit mit Martinů, den Novák noch viele Jahre später als seinen „göttlichen Lehrer“ verehrte, gewann einen prägenden Einfluß auf den jungen Komponisten.

Nach seiner Rückkehr nach Brünn – die Kriegserlebnisse in Deutschland und sein Amerika- Aufenthalt hatten die im humanistischen Denken Nováks begründete Freiheitsliebe bestärkt – mehrten sich die Konfliktsituationen mit der offiziellen tschechischen Bürokratie und den staatlichen Dogmen des ehemaligen Ostblocks. Seine Kompositionen, in denen er Jazz – Elemente zum Teil ebenso verwendete wie die Zwölftontechnik (von der er sich später allerdings wieder abwandte, „aus Freiheitsliebe“ hieß auch hier seine Begründung), entsprachen in keiner Weise dem Kunstdogmatismus des sozialistischen Realismus, Problemen mit den Machthabern und der offiziellen Kulturlandschaft der Tschechoslowakei waren vorprogrammiert.

Mitte der 50er Jahre begann Novák, sich intensiv mit der lateinischen Sprache und Literatur auseinanderzusetzen und fand seine geistige Heimat zunehmend im gesamteuropäischen Kulturraum. Insbesondere der weiche Wortlaut und die rhythmische Prägnanz waren es, die Novák an der lateinischen Dichtung faszinierten, und er begann zunächst Horaz, später auch Catull, Tibull und Vergil zu vertonen. Dabei blieben Metrik und Rhythmik des Originals in der musikalischen Wiedergabe erhalten, die Kompositionen wurden zumSpiegelbild der rhythmischen Vielfalt der Dichtung und präsentieren sich so als deren natürliche Ergänzung. Später ging Novák auch dazu über, die große lateinische Prosa von Cäsar, Cicero und Seneca zu vertonen, und schließlich schrieb er seine eigene Texte selbst. Auf die Frage, weshalb die lateinische Literatur einen so großen Platz in seine Arbeit einnähme, antwortete Novák stets „Nihil est, bone, immortalitatis causa hoc fit“ (Nichts Besonderes, mein Guter, das mache ich nur wegen der Unsterblichkeit).

Im Jahre 1967 erlebte Novák mit der Uraufführung seiner Kantate DIDO einen seiner größten Erfolge in der Tschechoslowakei. Der Komponist machte in dieser Zeit keinen Hehl aus seiner politischen Überzeugung, hatte ein Jahr zuvor ein christliches Passionsspiel uraufgeführt, eine Geste, die man ihm seitens der staatlichen Führung als „Religiosität“ übel nahm.

Die Invasion der Tschechoslowakei durch die Truppen des Warschauer Paktes in1968, ein Ereignis, das er in seinem Werk IGNIS PRO IOANNE PALACH (zur Erinnerung an die Autodafé des jungen Jan Palach) musikalisch verarbeitete, überraschte ihn auf einer Konzertreise in Italien. Er beschloß, im Ausland zu bleiben, seine Familie folgte ihm. Er sollte nie wieder in seine Heimat zurückkehren.

Im Exil führte sein Weg über Deutschland ins dänische Aarhus, bevor ihn ein in 1969 verliehener Kompositionspreis für Vergils MIMUS MAGICUS nach Italien, nach Rovereto lockte, wo er mit den „Voces Latinae“ eine Chorgemeinschaft gründete, die sich ausschließlich der Interpretation lateinischer Vertonungen widmete.

1977 schließlich ging Jan Novák wieder nach Deutschland, um in Ulm eine neue Heimat für sich und seine Familie zu schaffen. Es war für den Komponisten – auch als überzeugter Europäer – nicht leicht, im Westen Fuß zu fassen, er paßte in keine der vorherrschenden Strömungen der westlichen Avantgarde hinein, und er war auch nicht bereit, sich und seine Arbeit anzupaßen. Dennoch waren Novák in Italien und Deutschland Jahre voll schöpferischer Kraft beschieden, der weitaus größte Teil seiner bleibenden Werke, darunter auch seine Oper DULCITIUS, entstand in dieser Zeit. Schließlich erhielt er 1982 einen Lehrauftrag an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

Jan Novák starb am 17. November 1984 in Neu-Ulm. Nach dem politischen Wandel 1989 wird sein Erbe langsam auch in der Tschechischen Republik wieder zugänglich. 1996 verlieh ihm der tschechische Präsident Václav Havel posthum die Staatliche Auszeichnung, 2005 wurde er zum Ehrenbürger Brünns ernannt.

Jan Novák hinterließ der posthum zunehmend aufmerksamer werdenden Nachwelt ein breites Schaffen, das im Zeichen einer freien Tonalität und klaren Formgebung vom musikalischen Humor seines Komponisten zeugt, daneben aber mit seinem stimmungsvollen Melos vielleicht auch von der böhmischen Herkunft dieses großen Europäers.

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